Du hast oder kennst jemanden mit Autismus?

Wir fassen auf dieser Seite alle wichtigsten Infos zusammen.

Auf dieser Seite möchten wir dir einen Einblick in das Thema Autismus geben. Wir erzählen dir, welche Herausforderungen damit verbunden sein können, wie wir dabei vorgehen und welche Behandlungsmethode wir anbieten.

Dabei stützen wir uns ausschließlich auf wissenschaftliche Studien, Fachliteratur und unsere praktischen Erfahrungen. Wir möchten, dass du dich im Vorfeld gut informieren und offene Fragen oder Unsicherheiten klären kannst. So verstehst du besser, was eigentlich hinter dieser Diagnose steckt.

Die Diagnose Autismus ist dir wahrscheinlich schon bekannt. Durch die starke Präsenz in den Medien, oft mit genialen Charakteren und ihren sozialen Schwierigkeiten, ist vielen von uns der Begriff zwar geläufig, aber es wird leider wenig tatsächliches Wissen über dieses Störungsbild vermittelt.

Leider halten sich immer noch viele Mythen rund um Autismus. Das belastet nicht nur die Betroffenen, sondern verunsichert auch Angehörige zunehmend. Dem wollen wir entgegenwirken!

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Was steckt dahinter? 1

Wie Autismus genau entsteht, wird immer noch heiß diskutiert. Verschiedene Fachleute forschen hier mit unterschiedlichen Ansätzen. Was aber schon ausreichend belegt ist: Eine starke genetische Komponente und Auffälligkeiten im Gehirn spielen eine Rolle.

Wichtig zu wissen: Nicht jeder Mensch mit Autismus braucht eine Behandlung. Aber wenn es zum Beispiel Schwierigkeiten in der Schule, im Job oder im Umgang mit anderen Menschen gibt, sollte man auf jeden Fall über Behandlungen nachdenken.

Eines muss aber klar sein: Autismus ist nicht heilbar.

Abb.1: Autismus hat viele Gesichter
Abb.1: Autismus hat viele Gesichter
Quelle: autismus-besser-verstehen.ch

Autismus: Ein Spektrum, viele Gesichter 1, 2

Wenn wir von Autismus sprechen, tauchen bei vielen sofort bestimmte Bilder im Kopf auf – oft geprägt von Filmen oder Serien. Doch Autismus ist viel komplexer und hat nicht "das eine" Gesicht. Stell dir ein Spektrum vor, auf dem sich die Merkmale und Ausprägungen von Mensch zu Mensch stark unterscheiden können. Jeder Mensch im Autismus-Spektrum ist einzigartig und bringt seine ganz eigenen Stärken und Herausforderungen mit. Deshalb ist es uns wichtig, dir hier einen detaillierteren Einblick zu geben, was Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) wirklich bedeuten können.

Autismus-Spektrum-Störungen: Was ist das?

Die verschiedenen Formen von Autismus – wie frühkindlicher Autismus, Atypischer Autismus und das Asperger-Syndrom – fassen wir heute unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) zusammen. Früher hat man diese Typen stärker voneinander unterschieden, aber das ist in den aktuellen Diagnosesystemen nicht mehr üblich. Die Intensität der Symptome kann sehr unterschiedlich sein, doch eine genaue Trennung der Subtypen ist mit unserem heutigen Wissen kaum noch wissenschaftlich haltbar. Deshalb wird diese dreiteilige Aufteilung bald gar nicht mehr verwendet.

Soziale Interaktion und Kommunikation

Oft fällt dir bei Menschen mit ASS auf, dass sie in sozialen Situationen Blickkontakt meiden und wenig Mimik zeigen. Gleichzeitig fällt es ihnen aber auch sehr schwer, den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers richtig zu deuten.

Herausforderungen gibt es häufig bei der sozialen Teilhabe. Für viele Betroffene ist es eine große Hürde, Freundschaften zu schließen oder überhaupt angemessen mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn sie dann unpassend Kontakt aufnehmen, führt das nicht selten zu Konflikten, und Menschen mit ASS gelten dann oft als Einzelgänger. Viele haben auch kein großes Bedürfnis nach Sozialkontakten, sind lieber für sich oder richten ihre Aufmerksamkeit eher auf Dinge als auf Menschen.

In Gesprächen, also im Dialog, fällt auf, dass Menschen mit ASS wenig auf das Interesse ihres Gegenübers eingehen und sehr bei sich und ihren eigenen Themen bleiben. Für viele Eltern und Angehörige ist es eine wiederkehrende Herausforderung, ein wirklich wechselseitiges Gespräch mit ihnen zu führen.

Auch in der Kommunikation selbst gibt es Auffälligkeiten: Manchmal wirkt der Sprechstil etwas aufgesetzt, oder sie verwenden neue Wörter in einer monotonen Sprechweise, oder ihre Lautstärke und Betonung sind ungewöhnlich. Oft verwenden sie gleiche, sich ständig wiederholende Sätze im Alltag oder sprechen Gesagtes des Gegenübers wiederholt nach (sogenannte Echolalien). Auch Pronomen werden manchmal vertauscht. Und etwas Abstraktes oder Metaphorisches zu verstehen, ist für Menschen mit ASS oft eine fast unüberwindbare Hürde.

Verhaltensweisen und Wahrnehmung

Menschen mit ASS zeigen verstärkt fest ritualisierte Verhaltensweisen und Abläufe. Wenn sich dann etwas an diesen festen Strukturen ändert, führt das oft zu großer Beunruhigung.

Besonderheiten finden sich auch häufig in der sensorischen Wahrnehmung: Das können wiederholte, stereotype Bewegungen sein, ungewöhnliche Interessen oder auch Überempfindlichkeiten.

Perspektivübernahme und Empathie

Viele Menschen mit ASS haben große Schwierigkeiten, die Perspektive ihres Gegenübers nachzuvollziehen oder einzunehmen und die emotionalen Befindlichkeiten des anderen zu erfassen. Hier spricht man von einer fehlenden "Theory of Mind" (einem Modell für Empathiefähigkeit). Das bedeutet auch, dass es vielen schwerfällt, das Verhalten des Gegenübers vorherzusehen oder damit zu rechnen, welche Konsequenzen der andere aus einer Handlung zieht. 

Autismus hat viele Gesichter

Es gibt keine allgemeingültigen Symptomlisten, denn eine ASS kann viele verschiedene Gesichter haben. Menschen mit ASS müssen nicht unbedingt eine Intelligenzminderung haben oder im Gegenteil hochintelligent sein. Sie müssen auch keine Sprachauffälligkeiten zeigen oder im Alltag als "merkwürdig" oder "besonders" gelten. Die Symptome fallen ganz unterschiedlich aus, und die verschiedenen Merkmale sind mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt.

Abb.2: Autismus und seine vielen Gesichter
Abb.2: Autismus und seine vielen Gesichter
Quelle: autismus-kultur.de

Das Problem unserer Gesellschaft

Leider ist unser System – also Schule und Job – oft nicht auf die Bedürfnisse und Herausforderungen von Menschen mit Autismus ausgelegt.

Es braucht dauerhafte Veränderungen im Umfeld der Betroffenen, um Menschen mit Autismus, die viel Unterstützung brauchen, gerecht zu werden und ihnen ein gutes Lernen zu ermöglichen. Genau hier wollen wir ansetzen! Vor allem durch Aufklärung und mögliche Strukturveränderungen im Umfeld der Einzelnen möchten wir dazu beitragen, dass Veränderungen und Therapien bei den Patienten auf fruchtbaren Boden treffen.

Mythen über Autismus – Was stimmt wirklich?

Mythos 1: Autisten haben auch immer ADHS4

Richtig ist, dass viele Menschen mit Autismus Schwierigkeiten bei der Aufmerksamkeit zeigen. Lange Zeit dachte man, man müsste die eine Diagnose vor der anderen ausschließen. Mittlerweile wissen wir aber, dass beide Diagnosen gleichzeitig bestehen können! Es gibt inzwischen sogar Tests, um ein gleichzeitiges Auftreten beider Störungen festzustellen (wie z.B. die "Multidimensional Scale for Pervasive Developmental Disorders and Attention Deficit/ Hyperactivity Disorder"). In der Diagnostik wird aber trotzdem genau hingeschaut und unterschieden, denn die Symptome beider Störungen (besonders bei der Aufmerksamkeit) können sich ähneln.

Mythos 2: „Impfschäden führen zu Autismus!“

Dieser Mythos hält sich leider hartnäckig: Viele glauben, Impfungen – besonders die Masernimpfung – würden Autismus auslösen. Das ist faktisch falsch! Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen Impfungen und der Entstehung von Autismus. Der Arzt, dessen nicht ausreichend belegte Studie diese Diskussion überhaupt erst ausgelöst hat, hat übrigens schon lange seine ärztliche Zulassung verloren.

Mythos 3: „Autisten haben kein sexuelles Interesse!“

Studien, Beobachtungen und unsere Erfahrungen aus der Praxis beweisen das Gegenteil! Menschen mit Autismus haben, genau wie Menschen ohne ASS, ganz individuelle Bedürfnisse und Wünsche bezüglich ihrer Sexualität. Mehr dazu erfährst du auch im Abschnitt "Partnerschaft, Sexualität & Autismus".

Mythos 4: „Falsche Erziehung ist ein Auslöser für Autismus!“

Das ist völliger Quatsch und wurde immer wieder widerlegt! Wie Autismus entsteht, haben wir ja schon weiter oben im Text erklärt.

Medikamente? Ja oder nein? 7

Eine medikamentöse Behandlung richtet sich immer nach den auftretenden Symptomen. Wichtig zu wissen ist, dass die Medikamente hier meist "off-label-use" sind, also zugelassene Medikamente, die aber für diesen speziellen Einsatz nicht vorgesehen sind. Deshalb findest du hier auch keine detaillierten Beschreibungen der Präparate.

Was du als Patient oder Arzt bei uns erwarten kannst?

Nach einem ausführlichen Erstgespräch mit deinem Therapeuten legen wir gemeinsam Therapieziele fest und besprechen, welche Maßnahmen und Anwendungen in den Therapien zum Einsatz kommen.

Wir als Therapeuten verstehen uns als Netzwerker und legen großen Wert darauf, das Umfeld unserer Patienten miteinzubeziehen. Das heißt, wir integrieren auch Ärzte, Lehrer oder andere Behandler in die Therapie. Wir konzentrieren uns auf die Fähigkeiten und Stärken des Patienten und möchten das für dich subjektiv beste Ergebnis herausholen. Uns ist wichtig, wie die Diagnose deinen Alltag beeinflusst und welche konkreten Dinge du als besonders herausfordernd empfindest.

Wir arbeiten unter anderem auf Grundlage der TEACCH-Philosophie. TEACCH hat seine Wurzeln in verhaltenstherapeutischen Ansätzen, deshalb liegt der Schwerpunkt unserer Behandlung auch im Verhaltenstraining.6 

Ergotherapie allgemein bei Autismus

Es ist uns wichtig, dass unsere Patienten ihre Diagnose verstehen, egal welchen Alters oder welche Einschränkungen sie haben. Deshalb ist Psychoedukation – also die Aufklärung unserer Patienten über ihr Krankheitsbild – ein ganz wesentlicher Teil unserer Arbeit. Wir möchten in unserer Behandlung Wege aufzeigen und Betroffene individuell dabei unterstützen, ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Ergotherapie bei Autismus im Kindesalter

Im Zentrum PlenaVita sind wir aktuell nicht auf Ergotherapie mit Kindern spezialisiert, weshalb wir ausschliesslich Erwachsenen therapeutisch begleiten. Dennoch möchten wir kurz erläutern, was ergotherapeutische Therapieinhalte bei Kindern mit Autismus sein können. 

Häufig zeigen sich erste Verhaltensauffälligkeiten bereits im Kleinkindalter. Ab einem Alter von 1.5 – 2 Jahren kann eine Abklärung und Diagnostik erfolgen. Störende Verhaltensweisen, zum Beispiel in der sozialen Interaktion, werden auch häufig in der Schule beobachtet. Dies führt bei Lehrkräften und Eltern zu einem Wunsch nach Abklärung und einer Behandlung. Hier ist die Ergotherapie eine mögliche Lösung. 

In der Therapie erfolgt ein Verhaltenstraining. Strategien zur Verbesserung der Selbststeuerung werden erlernt. Zum Beispiel lernen Kinder, ihre eigenen Impulse besser kennen, um diese in Zukunft in passenden Situationen besser regulieren zu können. Außerdem gehört es zur Therapie, soziale Kompetenzen zu erlernen und zu üben, da diese im Schulalltag besonders wichtig sind, um unterstützende Beziehungen zu Freunden und Lehrpersonal aufzubauen.

Viele Kinder mit ASS haben eine Wahrnehmungsproblematik, die sich in Überempfindlichkeiten oder Missempfindungen äußert. Hier können auch Anwendungen aus dem Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung helfen. Diese haben das Ziel, Informationen aus den verschiedenen Sinnesbereichen zu strukturieren und deren Verarbeitung im Gehirn zu unterstützen, was sich wiederum positiv auf die Probleme im Alltag auswirkt.8;9 Um in der Therapie den größtmöglichen Erfolg für Menschen mit Autismus und ihre Familien zu erzielen, ist die Mitarbeit der Eltern und des Umfeldes ganz entscheidend. Das geschieht nur durch einen regelmäßigen und aktiven Austausch zwischen allen Beteiligten. Damit die in der Therapie gelernten Verhaltensweisen auch im Alltag umgesetzt werden können, müssen diese regelmäßig außerhalb der Therapie geübt werden. Dafür ist besonders für Kinder die Unterstützung der Bezugspersonen ein wichtiger Bestandteil. Außerdem ist Aufklärung in der Eltern- & Angehörigenarbeit ein elementarer Baustein der Therapie. 

Ergotherapie bei Autismus im Erwachsenenalter

Menschen mit ASS, die erst im Erwachsenenalter in die Ergotherapie kommen, haben oft bereits einen therapeutischen Weg hinter sich und/oder können selbst gut beschreiben, wo ihre Schwierigkeiten im Alltag liegen. So besteht die Therapie zu Beginn oft darin, unbewusste Ressourcen (Stärken und Fähigkeiten) des Einzelnen aufzudecken. Weiter werden in der Ergotherapie gemeinsam Lösungen für alltagsrelevante Probleme gesucht. So zum Beispiel bei der Verselbstständigung (etwa nach dem Auszug aus dem Elternhaus) oder aufgrund von Herausforderungen bei neuen zwischenmenschlichen Kontakten. Wir üben Handlungsabläufe und Kommunikationsstrategien oder reflektieren Irritationen aus vorherigen alltäglichen Interaktionen. Nicht selten schaffen wir auch Arbeitsplatzanpassungen, Strukturierung und Priorisierungen im Arbeitsalltag, um die Betroffenen entsprechend auch produktiv unterstützen zu können.

Partnerschaft, Sexualität & Autismus

Sexualität kann sich für Menschen mit Autismus als herausforderndes Erlebnis- und Betätigungsfeld gestalten. Entgegen dem Mythos, dass Personen mit ASS kein sexuelles Interesse haben, haben sie sehr wohl – genau wie Menschen ohne ASS – ein ganz individuelles Bedürfnis und Wünsche nach Sexualität. Probleme innerhalb der Wahrnehmungsverarbeitung spielen hier natürlich mit rein, zum Beispiel wenn Berührungen als unangenehm oder sogar schmerzhaft empfunden werden.

Innerhalb unserer Ergotherapie haben Patienten den Raum, Themen im Bereich Sexualität zu besprechen und bei uns einen geschulten Ansprechpartner dazu zu finden. Manche Eltern und/oder Angehörige befürchten – entgegen jahrelanger Erfahrung aus der Praxis von Fachleuten –, dass sie durch ein offenes Ohr für sexuelle Themen sexuell intensiviertes Verhalten hervorrufen oder provozieren würden. Damit negieren sie gleichzeitig, dass ihr Kind mit Handicap sexuelle Bedürfnisse und Lustempfinden haben kann. Leider wird Menschen mit Entwicklungsstörungen oder anderen psychischen Erkrankungen noch oft genug das Bedürfnis nach Sexualität abgesprochen. Wenn überhaupt über Sexualität gesprochen oder dazu gearbeitet wird, befinden wir uns nicht selten im Bereich der Gefahrenabwehrpädagogik, statt im Bereich von Lust und Beziehung.

Das hat zur Folge, dass auch Menschen mit ASS, insbesondere die Personen mit wenig Zugang zu außerfamiliären Kontaktmöglichkeiten oder niedrigem Intellekt, zum Thema Sexualität und Partnerschaft wenig bis gar nicht zu Wort kommen. Nicht selten entscheiden andere, was "in Ordnung ist" und was nicht. Dabei ist es für Menschen mit ASS umso wichtiger, Ansprechpartner:innen zu finden, da die Herausforderungen im zwischenmenschlichen Kontext, vor denen viele ASS-Betroffene stehen, sich maßgeblich auf den Bereich Partnerschaft und Sexualität auswirken und so die Schwierigkeit zu intimen Beziehungen nochmals erhöht.