Ergotherapie
Dein Weg zu einem selbständigen und zufriedenstellenden Leben
Stell dir vor, du kannst Dinge die dir wichtig und für dich selbstverständlich sind, plötzlich nicht mehr, oder immer schlechter tun.
Alltägliche Aktivitäten wie sich selbst duschen, arbeiten gehen, sich um die Enkel kümmern oder einfach mal entspannen – können infolge von Krankheit oder Unfall eingeschränkt sein. Viele Menschen stehen Tag für Tag vor Herausforderungen in der Alltagsausführung und stossen an ihre Grenzen. Dadurch kann ihre Lebensqualität beeinträchtigt sein. Genau hier setzt die Ergotherapie an, um ein zufriedenstellendes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
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Ergotherapie unterstützt Menschen jeden Alters dabei, Einschränkungen zu bewältigen, um ein selbständiges und erfülltes Leben zu führen. Ergotherapeut*innen entwickeln gezielte Strategien, um individuelle Alltagshürden zu überwinden – sei es, die Hand nach einer Verletzung wieder nutzen zu können, trotz Demenz wieder eigene Termine verwalten zu können oder besser mit psychischen Belastungen umzugehen. Auf diesem Weg bietet die Ergotherapie gezielte Unterstützung und praktische Hilfe.1
Ergotherapie - ein ganzheitlicher Ansatz für Alle
Ergotherapie betrachtet den Menschen stets im Kontext seines gesamten Lebens und mit seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Den verschiedenen Lebensbereichen Selbstversorgung (z.B. Körperpflege, Nahrungsaufnahme, Mobilität), Produktivität (z.B. Arbeit, Haushalt, Schule) und Freizeit (z.B. Hobbies, soziales Leben, Erholung) wird gleichermaßen Aufmerksamkeit geschenkt.2 Angehörige werden in die Therapie miteinbezogen und Umgebungsfaktoren stets berücksichtigt. Indem Ergotherapie all diese Faktoren in Einklang bringt, schafft sie eine nachhaltige Grundlage für mehr Selbstbestimmung und Lebensqualität. Der ganzheitliche Ansatz ermöglicht eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität und stellt sicher, dass der Fortschritt im Alltag spürbar ist und bleibt.1
Ergotherapeut*innen beraten und betreuen nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Angehörige, Gruppen, Arbeitgeber und Institutionen sowohl in Bezug auf Erhalt oder Verbesserung der Handlungsfähigkeit, als auch im Hinblick auf Gesundheitsförderung und Prävention.2 Die Einsatzorte reichen von Praxen, Krankenhäusern und Rehabilitationszentren über Schulen und Kindergärten bis hin zu Pflegeheimen und privaten Wohnungen. Auch in der betrieblichen Gesundheitsförderung werden Ergotherapeutinnen von Unternehmen oder großen Betrieben eingesetzt, um langfristig gesunde Arbeitsumgebungen zu schaffen.3
Der ergotherapeutische Prozess
Vorbereitung
Wer Ergotherapie möchte, besorgt sich am besten eine Verordnung beim Arzt/ bei der Ärztin. So werden die Leistungen über die Grundversicherung übernommen. Die Verordnung und vorhandene Berichte sollen den Therapeut*innen übergeben werden. Diese prüfen die Verordnung und holen die Zusicherung zur Kostenübernahme bei der Versicherung ein.
Erstkontakt
In einem Erstgespräch geht es darum, die Person in ihrer persönlichen Situation sowie ihre Bedürfnisse und Ziele kennenzulernen. Dazu wird ein sogenanntes Betätigungsprofil erhoben. Schwierigkeiten, Ressourcen, Umweltfaktoren und Prioritäten im Zusammenhang mit der Durchführung von Betätigungen werden dabei erfasst. Spezifische Fragebögen und Messungen werden zur Datenerhebung eingesetzt. Daraufhin werden gemeinsam realistische und bedeutungsvolle Therapieziele definiert.
Individuelles Therapieprogramm
Therapeutin und Klientin erarbeiten gemeinsam einen Plan, der auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist und Schritt für Schritt Fortschritte ermöglicht.
Durch regelmäßige Therapiesitzungen und gezielte Übungen, welche auch zu Hause durchgeführt werden sollen, fördert die Ergotherapie spürbare Fortschritte und eine langfristige Unabhängigkeit. Der Transfer von Erlerntem in den Alltag wird gezielt unterstützt. Die Ergotherapie kann dazu auch direkt im Lebensumfeld der Klientinnen durchgeführt werden. Die Fortschritte werden durch wiederkehrende Testungen sicht- und messbar gemacht. Die Klientinnen sind am Therapieprozess stets aktiv beteiligt.
Zur Optimierung der Therapie und Koordination der Behandlungsschritte, tauscht sich die/der Ergotherapeutin regelmässig mit anderen involvierten Disziplinen, wie etwa Physiotherapeut*innen, Psychotherapeut*innen oder Ärzten aus.
Therapieabschluss
Sind die gesetzten Ziele erreicht und können keine neuen definiert werden, kann die Therapie abgeschlossen werden.1,2
Therapieinhalte und Beispiele
Ergotherapie hilft Menschen, ihre Selbstständigkeit im Alltag zu verbessern, egal ob es dabei um körperliche, kognitive, psychische oder soziale Einschränkungen geht. Hier sind einige typische Inhalte und Beispiele:
Begleitung und Unterstützung beim Wieder-/ Erlernen von Alltagshandlungen2
Hierbei werden alltagsrelevante Fähigkeiten und Handlungen trainiert
Beispiel: Eine Person, die nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist, lernt erneut, sich anzuziehen, Essen zuzubereiten oder das Bad sicher zu benutzen.
Einschätzung der Handlungsfähigkeit2
Die Handlungsfähigkeit wird im Alltag beobachtet und analysiert. Dabei werden Ressourcen und Fähigkeiten, aber auch Schwierigkeiten und Schwächen erfasst. Ziel dabei ist es, individuelle und optimale Therapiepläne und Ziele erstellen zu können.
Beispiel: Ergotherapeut*innen beobachten und erheben, wie gut jemand ein Rezept beim Kochen befolgen kann. Sie analysieren, ob die Beweglichkeit der Finger ausreicht, der Stand stabil genug ist. Sie beobachtet, ob die Person es schafft, die Reihenfolge einzuhalten und sich an gelesene Inhalte des Rezeptes erinnern kann.
Motorik und Sensorik fördern2
Hierbei steht im Fokus die Beweglichkeit, Kraft und Koordination zu verbessern sowie die sensorische Funktion (Sensibilität) zu trainieren. Diese Ansätze kommen bei Arm-, Handverletzungen oder bei neurologischen Schädigungen häufig zum Einsatz.
Beispiel: Nach einer Handverletzung wird die Beweglichkeit der Finger mit speziellen Übungen trainiert, damit man z. B. wieder greifen und schreiben kann.
Kognitive Funktionen verbessern2
Funktionen, die das “Denken” betreffen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Problemlösung und Planungsfähigkeiten werden mit verschiedenen Übungen und teilweise Computerprogrammen trainiert.
Beispiel: Eine Person mit beginnender Demenz kann sich mithilfe von Gedächtnisübungen und einer Agenda besser an Namen und Termine erinnern und lernt, Aufgaben Schritt für Schritt zu organisieren.
Psychosoziale Fähigkeiten trainieren2
Kommunikationsfähigkeit, Stressbewältigung, Umgang mit Emotionen und Erhöhung von Selbstvertrauen, diese und weitere Fähigkeiten werden in der Ergotherapie trainiert, um eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Beispiel: Eine Person mit Depression und Ängsten wird durch Übungen zur Selbstwahrnehmung und Rollenspielen dazu ermutigt, wieder in sozialen Kontakt mit anderen Menschen zu treten.
Hilfsmittelversorgung2
Die Hilfsmittelversorgung in der Ergotherapie erfasst die Auswahl, Anpassung und Bereitstellung von Geräten und Hilfsmitteln, welche die Klient*innen im Alltag unterstützen und helfen, die Selbständigkeit und Lebensqualität zu fördern. Hilfsmittel können dabei elektronischer, wie nicht-elektronischer Art sein. Der korrekte Einsatz wird in der Therapie geschult und trainiert.
Beispiel: nach einem Schlaganfall können spezielle Greifhilfen, griffverdicktes Besteck aber auch Gedächtnisstützen als Hilfsmittel hilfreich sein.
Umgebungsanpassungen2
Hierbei erfolgen Empfehlungen, Planungen und teilweise Umsetzungen von räumlichen Anpassungen im Lebensumfeld des Menschen. Dies kann unter anderem im Rahmen einer Sturzprävention zu Hause oder einer Ergonomieberatung am Arbeitsplatz stattfinden.
Beispiel: Ein Rollstuhlfahrer benötigt Haltegriffe um vom Rollstuhl aufs WC transferieren zu können und eine Rampe zum Haus.
Mythen
In der Ergotherapie gibt es einige verbreitete Mythen, die oft Missverständnisse über die Berufspraxis und deren Zielsetzungen hervorrufen. Einige der häufigsten Mythen möchten wir klären.
Ergotherapie und Physiotherapie ist dasselbe
Physio- und Ergotherapie zielen beide darauf ab, die Lebensqualität ihrer Klient*innen zu verbessern. Sie unterscheiden sich aber in ihrem Fokus und in ihren Ansätzen. Die Ergotherapie fokussiert darauf, Menschen dabei zu unterstützen, ihre alltäglichen Aktivitäten zu bewältigen, trotz physischen, kognitiven oder psychischen Einschränkungen. Im Zentrum liegt die praktische Anwendung der wiederhergestellten Funktionen und Fähigkeiten im Alltag. Die Interaktion zwischen Person, ihrer Umwelt und den Aktivitäten wird dabei Beachtung geschenkt.4 Neben körperlichen Übungen, kommen auch kognitive, psychologische Interventionen und Umweltanpassungen zum Einsatz. Die Anpassung eines Zuhause oder Arbeitsplatzes oder das Training von Alltagshandlungen wie Anziehen oder Kochen unter Verwendung von Hilfsmitteln könnten Inhalte sein.5
In der Physiotherapie steht die Wiederherstellung von Bewegungsfunktionen im Vordergrund. Dabei werden nach Verletzungen, Operationen oder bei Erkrankungen Muskeln gestärkt, Schmerzen gelindert, motorische Fähigkeiten optimiert und die Gelenkbeweglichkeit wird verbessert. Interventionen der Physiotherapie umfassen Bewegungs- und Krafttraining, manuelle Therapie und physikalischen Techniken.6
Beide Disziplinen ergänzen sich in der Rehabilitation häufig und arbeiten in interdisziplinären Teams zusammen, um optimale Therapieergebnisse zu erreichen.1 Nach einem Schlaganfall arbeitet die Physiotherapie beispielsweise an der Wiedererlangung der motorischen Kontrolle und Gleichgewicht, während die Ergotherapie die funktionale Anwendung dieser Fähigkeiten im Alltag trainiert, wie zum Beispiel während der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln.7
In der Ergotherapie werden nur körperliche Einschränkungen therapiert
Ergotherapeut*innen berücksichtigen alle Faktoren, die die Fähigkeit einer Person beeinflussen, ihren Alltag zu bewältigen. Dazu zählen körperliche Einschränkungen genauso wie mentale Herausforderungen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme oder psychische Belastungen wie Stress und Ängste.8 Die verschiedenen Bereiche werden individuell analysiert und in die Behandlung integriert, um passgenaue Lösungen für den Alltag zu finden.
In der Ergotherapie wird nur gebastelt oder gespielt:
Dieser Mythos basiert häufig auf einem Missverständnis der therapeutischen Ansätze und Ziele. Ergotherapeutische Interventionen sollten immer einen klaren therapeutischen Zweck verfolgen und auf fundierten wissenschaftlichen Prinzipien basieren, welche die Alltagskompetenzen verbessern sollen. Wenn ein Kind in einer Therapiestunde mit Bauklötzen spielt oder ein Erwachsener eine kreative Aufgabe bearbeitet, verfolgt die Ergotherapie dabei konkrete Ziele, die mit der Förderung von Fähigkeiten wie Problemlösung, Geschicklichkeit, sozialer Interaktion oder emotionaler Stabilität verbunden sind.9 Das Spielen dient hierbei als Mittel, um diese therapeutischen Ziele auf ansprechende und motivierende Weise zu erreichen. Bei Kindern ist das Spielen ein zentraler Bestandteil der kindlichen Entwicklung. Motorische, kognitive, soziale und emotionale Fähigkeiten können dabei erlernt werden.10 Gezielte Bastelarbeiten und spielerische Aktivitäten verbessern die Feinmotorik und Hand-Augen-Koordination10. Die Ausführung einer handwerklichen Aufgabe nach Plan erfordert kognitive Fähigkeiten wie Planung, Organisation und Problemlösefähigkeiten.11 Diese werden dabei trainiert. Kreative Arbeiten können dabei helfen, Emotionen zu verarbeiten und Stress abzubauen.12 Gestalterische oder spielerische Ansätze haben also durchaus ihren Platz in der Ergotherapie, sofern dies zur Erreichung des klient*innenzentrierten Zieles dient. Grund für die Anwendung und Ziel, sollten den Klient*innen stets klar vermittelt werden.
Schlussfazit
Ergotherapie ist eine evidenzbasierte und klient*innenzentrierte Therapieform, die ganzheitliche Ansätze verfolgt, um Menschen in allen Lebensbereichen in der Handlungsfähigkeit zu unterstützen. Durch individuell angepasste Maßnahmen schafft sie nachhaltige Verbesserungen in der Lebensqualität und fördert die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dies macht Ergotherapie zu einem zentralen Baustein in der Rehabilitation und Gesundheitsförderung.
Quellenangaben
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Ergotherapie-Verband-Schweiz (EVS). (2024). Der ergotherapeutische Prozess. Heruntergeladen von https://ergotherapie.ch.
Ergotherapie-Verband Schweiz (EVS). (2024). Ergotherapie – Vielfältige Einsatzmöglichkeiten und Tätigkeitsfelder. Abgerufen von https://ergotherapie.ch
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